An der Grenze zur Dunkelheit

Man spiele folgendes Gedankenexperiment durch: Ein selbstfahrendes Auto muss in einer Unfallsituation innerhalb von Sekundenbruchteilen die Entscheidung treffen, mit welcher Reaktion welche Menschen in Unfallnähe zu Unfallopfern werden.

Dabei stehen zwei Entscheidungspfade zur Auswahl:

  1. Der Bordcomputer kann dank einer schnellen Verbindung zum Internet auf das gesamte Weltwissen zugreifen. Algorithmen im Hintergrund treffen die Entscheidung, welche Menschen am Straßenrand oder im Fahrzeug gegenüber verletzt oder getötet werden. Entscheidungskriterien sind dabei u.a. Alter, Geschlecht, Familienstand, Ethnie, Beruf, Gesundheit und generelle soziale Verhaltensdaten.
  2. Der Bordcomputer entscheidet, sobald nach Auswertung der Situation vor Ort mehrere gleichwertige Lösungen möglich sind, per Zufallsalgorithmus, welche Menschen als Opfer in das Unfallgeschehen hineingezogen werden.

Die ‚chinesische Lösung‘ auf der Basis von Weltwissen hätte den Vorteil, dass eine Entscheidung im Nachgang gut dokumentiert im Logbuch des Autos zugänglich wäre. Der Tod des Alkoholikers oder der alleinstehenden Rentnerin wäre gut begründet gegenüber der schweren Verletzung einer Schwangeren oder eines Familienvaters. Die ‚amerikanische Lösung‘ würde die Illusion aufrecht erhalten, dass in irgendeiner Art und Weise das Schicksal mit einem Gottesurteil eingegriffen hätte und die Folgen eben genau so, wie sie eingetreten sind, unvermeidbar waren.

Tritt man einen Schritt zurück und legt die Technikbegeisterung ab, die uns den modernen Alltag oft rosiger erscheinen lässt als er tatsächlich ist, muss man erschrecken angesichts des Gedankenexperiments und der damit verbundenen Aussicht auf die kurz bevorstehende Zukunft:

Beide Lösungsvarianten sind Ausdruck einer unmenschlichen Gesellschaft.

Auf der einen Seite steht der totale Überwachungsstaat, der in China bereits heute konkrete Formen annimmt und die Menschen auf gesellschaftskonforme Datenmonaden reduziert. Auf der anderen Seite erleben wir bereits heute in unserem Alltag, wie Entscheidungen mehr und mehr von Maschinen auf Basis von unkontrollierten Algorithmen getroffen werden, um den Menschen als fehlerhafte Systemkomponente zu eliminieren.

Dass der Mensch als sich selbst bewusst entscheidendes Wesen erst als ‚menschlich‘ betrachtet werden kann, ist ein vor Rund 2000 Jahren als wesentliches Element der christlichen Religion auf der Weltbühne aufgetreten. Das selbstbestimmte Schicksal auf Basis von persönlichen Entscheidungen ist wesentliche Grundlage für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Noch angesichts des nahen, gewaltsamen Endes hatte selbst der Sohn Gottes die Freiheit, sich zu entscheiden. Er entscheidet sich nach christlichen Glauben für Folter und Tod, um dadurch die Menschheit zu erlösen.

Immanuel Kant hat mit einem Monumental-Satz dies als Fundament der Aufklärung umrissen und damit die Parole für ein ganzes Zeitalter verfasst:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Es ist also kein Zufall, dass die westlichen, durch Christentum und Aufklärung geprägten Gesellschaften im Zuge der Digitalisierung gerade auch in diesen Fundamenten erschüttert werden. In den letzten Jahrhunderten ist es insbesondere der westlichen Hemisphäre gelungen, sich ein Stück aufgeklärter Mündigkeit zu erkämpfen. Parallel dazu hat sich aber eine Entwicklungslinie verfestigt, die angetrieben vom Erfolg der verschiedenen technischen Revolutionen von der Dampfmaschine bis zum Computer sich nun als fatal erweist.

Dass sich gesellschaftliche Herausforderungen alleine durch den Einsatz von Technologie bewältigen lassen, ist ein gefährlicher Irrglauben. Er ist sogar so gefährlich, dass der Fortbestand der Zivilisation durch die Verfolgung der Digitalisierungs-Strategie fundamental bedroht wird. Die Bedrohung erwächst dabei nicht nur in einem entfesselten Daten-Tsunami. Auch die klassischen Themen der Ökologie-Bewegung erleben eine neue, zeitgemäße Brisanz.

Die schönen Versprechen von Entstofflichung und Effizienzsteigerung haben außer acht gelassen, dass der menschliche Unersättlichkeitstrieb noch jede positive technische Entwicklung in sein Gegenteil verkehren kann:

  • Einer UN-Studie zufolge ist der Elektroschrott in Ostasien zwischen 2010 und 2015 durchschnittlich um fast zwei Drittel angestiegen – auf 12,3 Millionen Tonnen bei den untersuchten Staaten.
  • Nach einer Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2016 machte der Energiekonsum des IT-Sektors damals bereits etwa sieben Prozent der global verbrauchten Elektrizität aus und übertraf damit den Stromverbrauch von Großbritannischen. Bis 2020 wird laut Prognose mit einer Verdreifachung des Internetverkehrs gerechnet.
  • Laut niederländischer Studie verbraucht das Mining für die Kryptowährung Bitcoin mindestens 2,55 Gigawatt und könnte in absehbarer Zeit sogar immense 7,67 Gigawatt benötigen. Danach wird allein für eine Bitcoin-Transaktion so viel Strom benötigt, wie ihn ein niederländischer Haushalt im Monat verbraucht.

„Klimawandel und Digitalisierung werden unsere Gesellschaften umpflügen“.

Diese These untermauert der österreichische Historiker Philipp Blom in seiner Gegenwartsbeschreibung „Was auf dem Spiel steht“ aus dem Jahr 2017. Blom entwickelt in seinem Buch eine Gesellschaft, in der das Ich der Aufklärung zu einem Wir der Konsumenten verkümmert. Ein derartiges Wesen könne die Lebenswirklichkeit nicht mehr gestalten, es werde ihm nur übrigbleiben, sie zu erleiden.

Sollte die Menschheit ihre Zukunft auf dem Fundament ‚Digitalisierung‘ aufbauen, wäre dies die Auflösung des Lichts der Aufklärung in den Dunkelwelten von Internet, Rechner-Sälen und künstlicher Intelligenz. Der Ausweg aus dieser Krise liegt wie die Fundamentaldaten, die die Situation beschreiben, auf der Hand:

Menschliches Sein und Handeln muss wieder in das Zentrum von Politik gerückt werden.

Die Verantwortung des Menschen kann nicht durch technologische Innovationen außer Kraft gesetzt werden. Die planetaren Grenzen müssen in den Blick genommen und in diesem Rahmen müssen Lösungen entwickelt werden für z.B. Klimawandel, Ozean-Vermüllung und Nahrungsmittel-Verteilung. Und am Ende steht ein unumstößliches Dogma: Verzicht. Denn genauso wenig, wie wir die globalen Kohlevorräte vollständig verbrennen können, ohne dass der Planet vor die Hunde geht, genau so ist es unmöglich, sämtliche seltenen Erden in EMobility-Baterien zu verwandeln, ohne das Ökosystem der Erde massiv zu schaden.

Dies ist die letzte Menschheitsepoche, die einen großen Entscheidungsspielraum vorfindet, bevor der Leidensdruck zahlreicher Krisen radikales Handeln erzwingt – bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Noch ist es uns Menschen möglich, im Sinne der Aufklärung die Zukunft mündig zu gestalten. Jeden Tag, an dem wir uns einer menschlichen Zukunftsgestaltung verweigern, verlieren wir uns mehr und mehr in selbstverschuldeter Unmündigkeit.