Planetare Apollo-13-Mission

Als die Astronauten Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise am 14.April 1970 ihr „Okay, Houston, we’ve had a problem here“ zur Erde funkten, begann ein dramatischer Überlebenskampf. Drei Menschen in einem winzigen Raumschiff mussten gegen Energieausfall und hohe CO2-Werte in der Atmosphäre ankämpfen. Und die gesamte Menschheit schaute zu.

Durch die Explosion der Sauerstofftanks war der Apollo-Mannschaft nicht nur ein Teil des überlebenswichtigen Sauerstoffvorrats verlorengegangen. Es musste die bestehende Atmosphäre auch von C02 gereinigt werden, um das Überleben der drei Männer zu sichern, da die steigende Kohlendioxid-Konzentration drohte, die Astronauten zu ersticken. Dazu musste in einer verwegenen Ingenieurs-Leistung ein bis zu diesem Zeitpunkt nie getesteter Umbau improvisiert und in Betrieb genommen werden.

Abzeichen der Apollo-13-Mission

Knapp 50 Jahre später droht ein ganzer Planet an zu hoher Kohlendioxid-Konzentrationen zu überhitzen und die menschliche Zivilisation an den Rand der Zerstörung zu treiben. Doch im Gegensatz zu dem Drama zwischen Mond und Erde nimmt von der planetaren Apollo-13-Mission nahezu niemand Notiz. Die Verhandlungen im polnischen Katowice sind nicht mehr als Randbemerkungen unter ferner liefen. Und das pittoreske Bilder eine Kohlezeche auf der Homepage des COP24 steht symbolisch für die nicht vorhandene Entschlossenheit, dem Hauptverursacher für den Klimawandel die rote Karte zu zeigen.

Im Gegensatz zu den NASA-Ingenieuren, die in einem epischen Wettlauf gegen die Zeit versuchten, ihre drei Kameraden in der Raumkapsel zu retten, sucht man derartige Anstrengungen zum Erhalt der Menschheit vergeblich. Stattdessen werden menschenverachtenden Machtspiele zwischen Trump, Brexit, Putin, CDU-Vorsitz, Gelbwesten-Protest, Nuklearrüstung und UN-Migrationsabkommen aufgeführt, die nur eines verdeutlichen: Die Führungselite des Planeten hat schlichtweg vergessen, um was es tatsächlich geht.

In einem brillanten Kommentar zur Wahl der neuen CDU-Vorsitzenden hat Bernd Ulrich die verheerende Situation am Beispiel der programmatischen Leere der Union auf den Punkt gebracht:

Nach wie vor hat die Partei nicht einmal ansatzweise verstanden, dass Digitalisierung und Ökologie nicht einfach irgendwelche Themenfelder sind, die zu den schon bekannten politischen Problemen hinzukommen, sondern die Seinsformen von Politik und Demokratie im 21. Jahrhundert. Zumindest probehalber müssten die Parteien, allen voran die letzte verbliebene Volkspartei, alle Politik von diesen beiden großen Menschheitsentwicklungen her denken. Nur dann könnten sie aus der Hölle der Vergeblichkeit entfliehen, in der sie seit einigen Jahren gefangen sind, weil sie das 21. Jahrhundert mit den Instrumentarien des 20. zu bewältigen versuchen.

Aus der Hölle der Vergeblichkeit konnte die Apollo-13-Mannschaft nur durch das entschlossenen und gemeinsame Handeln aller Ingenieure und Techniker entfliehen. Alle Ressourcen, die die Raumkapsel zu bieten hatte, mussten eingesetzt werden. Das berühmte Bordhandbuch wurde zerrissen für die CO2-Filter. Der Energieverbrauch wurde herunter gefahren, bis die Temperatur im Inneren des Raumschiffs den Gefrierpunkt erreichte. Und natürlich hatten Lovell, Swigert und Haise auch eine gute Portion Glück, dass die zur Mutter Erde zurückkehren konnten.

Von einem entschlossenen und gemeinsamen Handeln ist die planetare Apollo-13-Mission so weit entfernt wie die Erde vom Rande des Universums. Stattdessen ist die Führungsriege im Raumschiff Erde gerade dabei, den letzten Spielraum für die Rettung der Zivilisation mutwillig aus den Händen zu geben:

  • Die Emissionen von Kohlendioxid haben 2018 einen neuen Rekordwert erreicht. Dabei hat der Anstieg im Vergleich zu 2017 nochmals zugelegt.
  • Ein Bericht für die US-Regierung zeigt nicht nur, wie verheerend sich die Erderwärmung auch in wirtschaftlicher Hinsicht auswirken könnte, sondern macht auch deutlich, dass ein Kollaps wichtiger wichtiger Exportmärkte bevorsteht.
  • Das Abschmelzen des Eispanzers auf Grönland hat sich rapide beschleunigt und liegt um 50 Prozent höher als im Vergleich zur vorindustriellen Ära.

In Kattowice droht eine verheerende Niederlage beim Kampf um das Überleben der menschlichen Zivilisation. Und wer immer noch glaubt, dass mit diesem Griff in die Kiste pathetischer Floskeln nur Untergangsängste beschworen werden, stellt sich mit seinem Halbwissen gegen die gesicherten Erkenntnisse der weltweiten Forschungsgemeinschaft. Wer jetzt nicht handelt, macht sich schuldig an der Zerstörung der Erde wie wir sie kennen.

Zum Schluss noch eine Anmerkung zum Überlebenskampf der Apollo-13-Mannschaft vor knapp 50 Jahren: Ein Ausweg aus der C02-Krise an Bord hätte auch sein können, ein Besatzungsmitglied zu töten, um wenigstens zwei Überlebende nach Hause zu bringen. Diese Entscheidung stand bei der NASA aber nie zur Debatte – dank der rasch ergriffenen technischen Lösungsmaßnahmen. Dagegen scheint unsere planetare Zivilisation, insbesondere in Nordamerika und Europa, bereit zu sein, die unterentwickelten Küsten- und Inselregionen der Dritten Welt zu opfern – zu opfern für ein Wirtschaftssystem, dass das Leben in den Ozeanen in Plastikmüll erstickt.