Dossier: Ausbau Erneuerbarer Energien im Kontext der Klimakatastrophe

Einleitung

Die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz haben kürzlich aktuelle Zahlen zum Ausbau der erneuerbaren Energien veröffentlicht. Diese Daten bieten Anlass, den Fortschritt im globalen Energiesystem vor dem Hintergrund der eskalierenden Klimakatastrophe zu bewerten. Trotz rekordverdächtiger Zubauraten bei Solar- und Windenergie bleibt die Frage: Reicht dieser Ausbau, um die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen und die Klimakatastrophe abzuwenden?


1. Aktuelle Ausbauzahlen der Erneuerbaren Energien (2025/2026)

Global (Quelle: IRENA, 2026)

  • Gesamtkapazität erneuerbarer Energien: 5.149
    Gigawatt (GW) im Jahr 2025, ein Anstieg von 15,5 %
    gegenüber 2024.
  • Solarenergie: +511 GW (75 % des gesamten
    Nettoausbaus), Gesamtkapazität: 2.390 GW.
  • Windenergie: +159 GW, Gesamtkapazität:
    1.291 GW (davon 671 GW Onshore, 52 GW Offshore in
    Asien).
  • Regionale Verteilung: Asien führt mit 1.530
    GW Solar-
    und 723 GW Windkapazität, gefolgt
    von Europa (408 GW Solar, 245 GW Wind).

Deutschland (Quelle: Bundeswirtschaftsministerium, 2026)

  • Deutschland trägt mit 106 GW Solar- und 68
    GW Onshore-Windkapazität
    maßgeblich zur europäischen
    Gesamtkapazität bei.

2. Grafiken zum Ausbau der erneuerbaren Energien

Globale Entwicklung (IRENA 2025)

Anteil Erneuerbarer Energien Global

Quelle: IRENA Renewable Capacity Statistics 2025, S. 58


Globale Entwicklung nach Kontinenten (IRENA 2025)

Anteil Erneuerbarer Energien je Kontinent

Quelle: IRENA Renewable Capacity Statistics 2025


Deutschland im Vergleich (BMWE 2026)

Anteil Erneuerbarer Energien DeutschlandAusbau Erneuerbarer Energien in Deutschland

3. Globaler Energiebedarf vs. Erneuerbare Energien

Primärenergiebedarf (2025)

  • Gesamtbedarf: ~620 Exajoule (EJ) pro Jahr, was etwa
    172.222 Terawattstunden (TWh) entspricht.
  • Anteil fossiler Energieträger: ~78,5 % (ca.
    135.000 TWh aus Öl, Kohle und Gas).
  • Anteil Erneuerbare am Endenergieverbrauch: ~19 %
    (ca. 32.700 TWh).

Stromerzeugung aus Erneuerbaren (2025)

  • Global: 5.072 TWh aus Erneuerbaren
    (34,3 % des Strommix) – erstmals mehr als Kohle.
  • Wind- und Solarstrom: 3.948 TWh
    (ca. 27 % des globalen Strommix).
  • Wasserkraft: ~1.000 TWh (ca. 7 % des
    Strommix).

Installierte EE-Kapazität (theoretische Stromerzeugung)

  • Bei 1.500 Volllaststunden entspricht 1 GW installierte Leistung etwa
    1,5 TWh Strom pro Jahr.
  • Theoretisches Maximum: 5.149 GW × 1,5 TWh/GW ≈
    7.724 TWh (real weniger durch Netzengpässe,
    Speicherprobleme etc.).

4. Vergleich: EE-Ausbau vs. Globaler Energiebedarf

Kategorie Wert (2025) Anteil am globalen Bedarf
Globaler Primärenergiebedarf ~172.222 TWh 100 %
Strombedarf ~34.444 TWh ~20 %
Strom aus Erneuerbaren 5.072 TWh ~3 % des Primärenergiebedarfs
Strom aus Wind & Solar 3.948 TWh ~2,3 % des Primärenergiebedarfs
Installierte EE-Kapazität (theoretisch) ~7.724 TWh ~4,5 % des Primärenergiebedarfs

5. Bewertung: Reicht der Ausbau, um die Klimakatastrophe zu stoppen?

Aktuelle Lücke

  • Ziel Pariser Abkommen: Bis 2050 muss die globale
    Energieversorgung nahezu CO₂-neutral sein. Dafür müssten Erneuerbare bis 2030 etwa 70–80 % des Strombedarfs decken und bis 2050
    den gesamten Primärenergiebedarf (inkl. Wärme, Verkehr, Industrie).
  • Aktueller Pfad: Bei einem jährlichen EE-Zubau von
    ~500 GW (2023) und einer Verdopplung bis 2030 (Ziel: 1.100 GW/Jahr)
    könnte der Stromsektor bis 2030 etwa 60 % erneuerbar sein – aber:

    • Primärenergie: Nur ~10–15 % des gesamten
      Energiebedarfs wären dann durch EE gedeckt (Rest: fossile Brennstoffe in Industrie, Verkehr, Wärme).
    • Zeitverzug: Selbst bei Verdopplung des EE-Ausbaus
      würde die globale Erwärmung voraussichtlich auf 2,5–3°C
      steigen – deutlich über dem 1,5°C-Ziel.

Kritische Punkte

  1. Sektorkopplung fehlt: EE decken vor allem Strom,
    aber nur ~20 % des globalen Energiebedarfs. Wärme, Verkehr und Industrie
    (80 %!) hinken hinterher.
  2. Speicher und Netze: Ohne massive Investitionen in
    Speicher, Netze und Flexibilität geht ein Großteil der EE-Erzeugung
    verloren.
  3. Fossile Subventionen: Weltweit fließen immer noch
    7 Billionen US-Dollar/Jahr in fossile Energien –
    sechsmal mehr als in EE.
  4. Globale Ungleichheit: Entwicklungsländer (z. B.
    Afrika, Südasien) bauen EE zu langsam aus, obwohl sie am stärksten von
    der Klimakatastrophe betroffen sind.

6. Was hält die Menschheit davon ab, die existierenden Technologien
einzusetzen?

Trotz der Verfügbarkeit von Technologien, die die Klimakatastrophe
abwenden könnten, gibt es zentrale Blockaden:

Politische und wirtschaftliche Hindernisse

  • Kurzfristige Profitinteressen: Fossile Konzerne und
    ihre Lobbygruppen blockieren Klimagesetze und subventionieren weiterhin
    Öl, Gas und Kohle – obwohl Erneuerbare längst kostengünstiger sind.
  • Fehlende globale Kooperation: Nationale Egoismen
    und geopolitische Konflikte verhindern verbindliche internationale
    Abkommen und faire Finanzierungshilfen für den Globalen Süden.
  • Subventionen für Fossile: Jährlich fließen
    7 Billionen US-Dollar in die Subventionierung fossiler
    Energien – ein Vielfaches der Investitionen in Erneuerbare.

Strukturelle und kulturelle Barrieren

  • Trägheit der Infrastruktur: Bestehende Energie-,
    Verkehrs- und Industriesysteme sind auf fossile Brennstoffe ausgelegt.
    Umstellungen erfordern langfristige Planung und hohe Investitionen, die
    kurzfristig unattraktiv erscheinen.
  • Kognitive Dissonanz: Viele
    Entscheidungsträger:innen und Bürger:innen erkennen die Dringlichkeit
    der Klimakatastrophe, handeln aber nicht konsequent – aus
    Bequemlichkeit, Gewohnheit oder weil sie die Folgen erst in der Zukunft
    erwarten.
  • Medien und Desinformation: Klimaleugnung,
    Verharmlosung der Krise und gezielte Falschinformationen (z. B. durch
    fossile Lobbygruppen) verzögern notwendige Maßnahmen.

Psychologische Faktoren

  • Aufschieben („Prokrastination“): „Später“ wird oft
    als „nie“ interpretiert – obwohl die Wissenschaft seit Jahrzehnten
    warnt.
  • Überoptimismus: Der Glaube, technologische Lösungen
    (z. B. CO₂-Abscheidung) werden schon „irgendwann“ die Probleme lösen –
    ohne heute zu handeln.
  • Verantwortungsdiffusion: „Andere“ (Politik,
    Wirtschaft, „die Jugend“) sollen die Lösung bringen, während die eigene
    Verantwortung geleugnet wird.

Fehlende Dringlichkeit

  • Die Klimakatastrophe wird oft als abstraktes
    Zukunftsszenario
    wahrgenommen, obwohl sie bereits heute
    Menschenleben kostet (Hitze, Dürren, Überschwemmungen). Solange die
    Folgen nicht direkt und flächendeckend spürbar sind, fehlt der
    Handlungsdruck.

7. Fazit: Was ist nötig, um die Klimakatastrophe zu stoppen?

  • Technologisch: Verdreifachung des EE-Ausbaus (auf
    ~1.500 GW/Jahr), Dekarbonisierung aller Sektoren, massive Investitionen
    in Speicher und Netze.
  • Politisch: Sofortiger Stopp fossiler Subventionen,
    verbindliche Klimagesetze, globale Finanzhilfen für den Süden.
  • Gesellschaftlich: Überwindung der kollektiven
    Untätigkeit durch Bildung, klare Kommunikation der Dringlichkeit und
    konsequentes Handeln – auf allen Ebenen.

Die Technologien existieren. Was fehlt, ist der Wille, sie
konsequent und schnell genug einzusetzen.


Quellen: